Gegen Windpocken impfen?

28. Oktober 2019

Sehr geehrtes Expertenteam,

in einem Interview bezeichnete ein impfkritischer Kinderarzt die Windpockenimpfung als gefährlich. Ich habe einmal gelesen, dass die Windpockenerkrankung durch die Impfung ins Erwachsenalter verschoben wird. Auch unser Kinderarzt hat vorgeschlagen gegen Windpocken erst mit Schuleintritt zu impfen.

Ich habe mich für die Impfung entschieden, weil ich gelesen habe, dass es auch zu einem schweren Verlauf kommen kann.

Jetzt steht die Entscheidung wieder an. Können Windpocken tatsächlich gefährlich sein für Kinder? Die Impfung wirkt nicht lebenslang, oder? Was ist dann nach Ablauf der Wirkdauer? Ist die Krankheit im Erwachsenenalter gefährlich?

Vielen Dank im Voraus.

Die Impfung gegen Windpocken (Varizellen) wird in der Regel gut vertragen. Wie bei jeder Impfung kann es zwar zu Nebenwirkungen kommen (siehe gesundes-kind.de/…/ sowie rki.de/…/FAQ-Liste_Varizellen_Impfen.html). Impfstoffe, die in Deutschland angewendet werden, sind aber für den Geimpften nicht als „gefährlich“ einzustufen - das gilt auch für Impfstoffe gegen Windpocken. Für die Zulassung gelten strenge Regelungen und die Sicherheit wird kontinuierlich überwacht (pei.de/…/informationen-zu-impfstoffen-impfungen-impfen.html).

Eine Erkrankung an Windpocken dagegen kann gefährlich werden. Bei ansonsten gesunden Kindern verlaufen die Windpocken zwar meist unkompliziert. Doch auch bei unkompliziertem Verlauf ist die Erkrankung durch den stark juckenden Hautausschlag, Fieber und weitere allgemeine Beschwerden sehr unangenehm. Durch Kratzen oder eine zusätzliche bakterielle Hautinfektion können Narben zurückbleiben. Zudem dürfen Kinder, die an den hochansteckenden Windpocken erkrankt sind oder bei denen der Verdacht besteht, Kita oder Schule nicht besuchen – ebenso unzureichend geimpfte Familienmitglieder. Bei Erwachsenen verlaufen Varizellen in der Regel deutlich ausgeprägter als bei Kindern.

Bei bis zu 5 Prozent der an Windpocken Erkrankten kommt es zu Komplikationen. Dazu zählen Mittelohrentzündung, Bronchitis und Lungenentzündung, Hirnhautentzündung (aseptische Meningitis), Gehirnentzündung (Enzephalitis) und andere Erkrankungen des Nervensystems (Zerebellitis, Schlaganfall). In Einzelfällen kann es zu Entzündungen des Herzmuskels, der Nieren, Gelenke oder Leber kommen. Das Risiko für Komplikationen nimmt mit dem Alter zu, aber auch Kinder können betroffen sein. Insbesondere bei Neugeborenen und bei Menschen mit geschwächter Immunabwehr können die Windpocken lebensbedrohlich verlaufen. Sehr gefährlich sind die Windpocken auch in der Schwangerschaft und beim ungeborenen Kind einer erkrankten Schwangeren kann es zu schweren Fehlbildungen kommen.

Die Impfung gegen Windpocken dient nicht nur dazu, den Geimpften zu schützen, sondern trägt auch zum Gemeinschaftsschutz bei. Bei ausreichend hohen Impfquoten zirkulieren die Windpockenviren nur noch wenig in der Bevölkerung und aufgrund der sogenannten Herdenimmunität profitieren auch Personen indirekt, die nicht selbst geimpft werden können, wie Säuglinge, Schwangere oder Patienten mit Krebserkrankungen wie Leukämie oder Menschen unter immunsuppressiver Therapie.

In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission STIKO die Impfung gegen Windpocken allen Kindern vorzugsweise ab dem Alter von elf Monaten. Die Empfehlungen der STIKO gelten als medizinischer Standard, an dem sich impfende Ärztinnen und Ärzte in der Regel orientieren. Eine Impfung erst bei Schuleintritt würde den Aufbau des Impfschutzes verzögern und zu den o.g. Nachteilen führen, Vorteile sind uns nicht bekannt. Lassen Sie sich am besten von Ihrem Kinderarzt erläutern, aus welchen Gründen er abweichend von der STIKO-Empfehlung vorschlägt, erst bei Schuleintritt gegen Windpocken zu impfen. Im Kindesalter versäumte Impfungen gegen Windpocken sollten baldmöglichst und vor dem 18. Geburtstag nachgeholt werden. Im Erwachsenenalter wird die Impfung gegen Windpocken für empfängliche Personen aus bestimmten Risikogruppen empfohlen.

Laut Angaben des Robert Koch-Instituts kann nach den bisherigen Erfahrungen davon ausgegangen werden, dass die vollständige Grundimmunisierung gegen Windpocken durch zwei Impfdosen zu einer lang anhaltenden Immunität führt (rki.de/…/FAQ-Liste_Varizellen_Impfen.html). Die Immunität hält aber möglicherweise nicht lebenslang an. Die Gefahr, dass die Impfung zu einer Verschiebung der Windpockenerkrankung ins Erwachsenenalter führen könnte, ist theoretisch gegeben. Hierfür gibt es aber bislang keine Hinweise, dies wird von den Gesundheitsbehörden jedoch sorgfältig beobachtet. Die Häufigkeit der Windpocken-Erkrankungen ging im Jahr 2018 in fast allen Altersgruppen zurück (außer bei den 15- bis 19jährigen).

Weitere zuverlässige Informationen zu Windpocken und zur Windpocken-Impfung finden Sie beim Robert Koch-Institut unter rki.de/…/Varizellen.html.

Bitte haben Sie Verständnis, dass wir nur allgemeine Hinweise geben können und lassen Sie sich am besten von einem Kinderarzt / einer Kinderärztin Ihres Vertrauens individuell beraten.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Gesundes-Kind-Team

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Unser Expertenrat vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin an der Universitätsmedizin Mainz beantwortet Ihre Fragen zum Thema Impfschutz für Kinder.