Impfen trotz Allergie auf Hühnereiweiß?

20. Juni 2017

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich beschäftige mich schon lange mit dem Thema Impfen bei meinen Söhnen. Meine Söhne sind mittlerweile schon 17 bzw. 20 Jahre alt. Der Große arbeitet auf dem Bau, was bis hierhin ja noch kein Problem darstellt. Problematisch wird es immer dann, wenn er sich Verletzungen zuzieht. Der Jüngere hat in der nächsten Zeit einen Impftermin für Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung und wohl auch Meningokokken. Das Thema Impfen wurde von uns im Säuglingsalter in soweit bearbeitet, als dass sie ihre Impfstoffe aus der Schweiz bekommen haben, da sie dort nicht im Hühnerei gezüchtet wurden. Meine Söhne reagieren beide allergisch auf Hühnereiweiß. Der Große wird bei Kontakt auch schockig. Der Kleine bekommt eher extreme Magen- und Darm-Probleme (bis jetzt). Jedesmal, wenn wir nach Impfen fragen, wird uns gesagt, „Impfstoffe würden nicht mehr im Hühnerei gezüchtet." Jetzt entnehme ich Ihrer Broschüre, dass das doch noch so ist.
Wie sollen wir uns jetzt verhalten? Impfen lassen - Ja oder Nein?
Für eine Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Mit freundlichen Grüßen Simone K.

Sehr geehrte Frau K.,

eine Allergie auf Hühnereiweiß spricht nicht gegen eine Impfung gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten (Pertussis), Kinderlähmung (Polio) und Meningokokken, die bei Ihrem jüngeren Sohn geplant sind. Auch Ihr älterer Sohn sollte entsprechend geimpft sein. Bitte überprüfen Sie auch, ob der Impfschutz insgesamt komplett ist. Eine Übersicht über die in Deutschland von der Ständigen Impfkommission STIKO empfohlenen Standardimpfungen finden Sie im Impfkalender (gesundes-kind.de/…/). Darüber hinaus können unter Umständen weitere Impfungen sinnvoll sein. Beratung erhalten Sie bzw. Ihre Söhne bei Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin. Weitere Informationen zu den einzelnen Impfungen können Sie auch auf unserem Internetportal unter „Impfungen“ (https://www.gesundes-kind.de/impfungen/) nachlesen.

Falls weitere Impfungen anstehen, beachten Sie bitte die folgenden Hinweise zum Thema Hühnereiweißallergie:
Die Viren für Impfstoffe gegen Gelbfieber sowie gegen Grippe (Influenza) werden üblicherweise in Hühnerembryonen bzw. befruchteten Hühnereiern vermehrt. Diese Impfstoffe können trotz Aufreinigung Spuren von Hühnereiweiß enthalten.
Bei einer Allergie gegen Hühnereiweiß darf eine Impfung gegen Gelbfieber, die für manche Länder zu den Reiseimpfungen zählt, nicht erfolgen.
Bei der Grippe-Impfung, die allgemein Personen über 60 Jahren sowie auch besonders gefährdeten jüngeren Menschen und Schwangeren empfohlen wird, ist bei einer Hühnereiweißallergie besondere Vorsicht geboten (Hinweise des Robert Koch-Instituts siehe rki.de/…/faq_ges.html?nn=2375548).

Viren für MMR-Impfstoff, FSME-Impfstoff und Tollwut-Impfstoff werden in Kulturen von Hühnerzellen gezüchtet.
Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR-Impfung) zählen zu den Standardimpfungen für Kinder ab dem Alter von 11 Monaten und sollten ggf. bis zum Alter von 18 Jahren nachgeholt werden. Auch Erwachsenen, die nach 1970 geboren wurden und nicht ausreichend geimpft sind, wird die Masern-Impfung mit MMR-Impfstoff empfohlen. Die Masern- und Mumps-Komponenten des MMR-Impfstoffs werden in Kulturen embryonaler Hühnerzellen hergestellt und können daher Spuren von Hühnereiweiß enthalten, die nach Angaben des Robert Koch-Instituts ohne allergisierende Potenz sind. Internationale Studien belegen zum Beispiel, dass auch Kinder mit bekannter Hühnereiweißallergie problemlos und gefahrlos mit MMR-Impfstoff geimpft werden können, so dass die Hühnereiweißallergie in internationalen und nationalen Leitlinien nicht mehr als Kontraindikation genannt wird. Bei sehr schwerer Hühnereiweißallergie, wenn es zum Beispiel nach Genuss von geringen Mengen Hühnereiweiß zu einem anaphylaktischen Schock kommt, sollte eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. Eine Impfung sollte unter medizinischer Beobachtung (ggf. im Krankenhaus) durchgeführt werden, damit im Falle einer anaphylaktischen Reaktion sofort geeignete Behandlungsmaßnahmen durchgeführt werden können (siehe hierzu auch die Hinweise des Robert Koch-Instituts unter rki.de/…/FAQ-Liste_Masern_Impfen.html).
Impfstoff gegen FSME (Impfung empfohlen für Personen, die sich in FSME-Risikogebieten aufhalten und mit Zecken in Berührung kommen können) wird in Hühnerfibroblasten-Zellkulturen hergestellt. Eine nachgewiesene Allergie gegen Hühnereiweiß spricht nicht in jedem Fall gegen eine FSME-Impfung. Die Impfung sollte jedoch unter medizinischer Überwachung und der Möglichkeit einer Notfalltherapie im Falle einer Überempfindlichkeitsreaktion erfolgen.

Fragen zu allergischen Reaktionen sollten vor der Impfung mit dem Arzt bzw. der Ärztin besprochen werden.

Übrigens: Nahrungsmittelallergien wie die gegen Hühnereiweiß, die im Kindesalter auftreten, verlieren sich oft wieder. Eine Überprüfung bei einem Allergologen kann daher sinnvoll sein.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Gesundes-Kind-Team

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Unser Expertenrat um Prof. Dr. med. Markus Knuf vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin an der Universitätsmedizin Mainz beantwortet Ihre Fragen zum Thema Impfschutz für Kinder.