Welche Impfungen sind sinnvoll?

21. Februar 2016

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Knuf,

ich bin Mutter einer 4-Monate-alten Tochter. Ich bin keine Impfgegnerin, möchte meine Tochter jedoch maßvoll impfen lassen, d. h. so viel wie unbedingt nötig und so wenig wie möglich. Leider helfen die vielfältigen Informationen im Internet nicht wirklich weiter, sondern führen letztlich eher dazu, dass die Verwirrung zunimmt. Daher möchte ich mich mit ganz konkreten Fragen direkt an Sie wenden:

1. Halten Sie eine Fünfach- oder Sechsfachimpfung von Säuglingen in Deutschland überhaupt noch für das Mittel der Wahl? Viele der Krankheiten treten in Deutschland nicht mehr auf. Wäre eine Einzelimpfung z. B. gegen Tetanus und Keuchhusten aus Ihrer Sicht nicht ausreichend? Was halten Sie von dem Impfschema 2+1, das von vielen europäischen Ländern bereits praktiziert wird?

2. Ich habe gelesen, dass durch die Pneumokokkem-Impfung die Mundflora des Kindes verändert wird und sich vermehrt Pneumokokken-Typen ansiedeln können, gegen die nicht geimpft wurde. Es gibt Studien, die belegen, dass die Häufigkeit schwerer Pneumokokken-Erkrankungen seit der Einführung der Impfung nicht rückläufig ist. Halten Sie in Anbetracht dessen eine Pneumokokken-Impfung in jedem Falle für sinnvoll? Wenn ja - in welchme Alter? Falls es für die Beantwortung der Frage relevant sein sollte: Meine Tochter wird gestillt, sie hat keine Geschwister und soll erst mit 1,5 Jahren in die Kita. Ich bin Nichtraucherin.

3. Wie stehen Sie zu der kombinierten Mumps-Masern-Röteln-Impfung? Auch hierbei ist Widersrpüchliches zu lesen (Stichwort Eierstockkrebs etc.). Halten sie eine Kombination mit der Windpockenimpfung für sinnvoll oder sollte dieser Ihrer Meinung nach erst später erfolgen?

4. Erachten Sie eine Imfpung gegen Menigokokken C und/oder B als sinnvoll?

Im Voraus herzlichen Dank für Ihre Bemühungen!

Mit freundlichen Grüßen
Anja S.

Sehr geehrte Anja,

im Prinzip gibt es zwei Zielgruppen, anhand derer beurteilt werden kann, ob eine bestimmte Impfung sinnvoll ist oder nicht: die gesamte Bevölkerung oder das Individuum. Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) betrachtet Impfungen vor allem unter dem Aspekt, inwiefern sie bevölkerungsweit sinnvoll sind. In der ärztlichen Beratung des einzelnen Patienten kommt die individuelle Perspektive hinzu.

Manche Krankheiten wie z.B. Diphtherie, Polio oder Rötelnembryopathien können nur aus einer Bevölkerung ferngehalten werden, wenn die Impfrate insgesamt hoch genug ist. Das bedeutet z.B. auch Jungs gegen Röteln mit zu impfen, um ungeschützte Schwangere vor einer Ansteckung zu bewahren und Rötelnembryopathien des Ungeborenen zu verhüten.
Aus langjähriger internationaler Erfahrung weiß man sicher, dass ansteckende Krankheiten wie Polio und Diphtherie zurückkehren, wenn die bevölkerungsweiten Impfraten zu gering ausfallen - auch wenn aktuell höchtens einzelne eingeschleppte Fälle auftreten.
Damit stehen auch Sie selbst vor der Frage, ob Sie bereit sind, Ihr Kind "für das Allgemeinwohl" mit zu impfen oder ob Sie strikt einer individuellen Sichtweise folgen möchten. Bitte bedenken Sie dabei auch, dass es größere Bevölkerungsgruppen gibt, die selbst nicht geimpft werden können (z.B. sehr junge Säuglinge, chronisch Kranke oder wie schon angeführt Schwangere). Vielleicht gehört jemand in Ihrem Umfeld schon jetzt oder in Zukunft zu einer dieser Gruppen? Würde sich dies auf Ihre Impfentscheidung auswirken?

Übrigens betont die STIKO selbst, dass eine fehlende bevölkerungsweite Impfempfehlung nicht dagegen spricht, eine bestimmte Impfung (z.B. aktuell die Meningokokken-B-Impfung) zum individuellen Schutz trotzdem durchführen zu lassen.

Zu 1., 3. und 4:
Wir folgen grundsätzlich den Empfehlungen der STIKO, die anhand der vorhandenen wissenschaftlichen Daten und Studien sehr sorgfältig prüft, ob und in welcher Form eine bestimmte Impfung für die Bevölkerung sinnvoll ist (Methodik siehe rki.de/…/methoden_node.html).

Die Begründungen zu den einzelnen Impfempfehlungen inklusive Verweise auf die zugrundeliegenden Studien finden Sie hier: rki.de/…/begruendung_node.html

Diese richten sich an medizinische Fachleute. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir über die Beschreibungen auf unserer Website hinaus, nicht näher auf jede einzelne Impfung in allgemeinverständlichen Worten eingehen können. Das würde den Rahmen einer solchen Antwort weit übersteigen.

Kombinationsimpfstoffe haben grundsätzlich den Vorteil, insgesamt für Kinder weniger belastend zu sein als den Impfschutz mit Einzelimpfungen aufzubauen.

Das 2+1-Schema für Sechsfachimpfstoff wird in der aktuellen Situation von der STIKO u.a. nicht empfohlen, weil es insbesondere junge Säuglinge länger ohne vollständigen Schutz lässt. Je nach Alternativen ist es jedoch in Zukunft denkbar, dass ein anderer Impfkalender - dann mit 2+1-Schema und mit weiteren Impfungen - insgesamt mehr Gesundheit bedeutet. Dann würde nach sorgfältiger Abwägung aller Umstände eventuell auf 2+1 umgestellt.

Die Empfehlung zur Impfung gegen Windpocken wird ebenso wie alle Impfempfehlungen regelmäßig von der STIKO überprüft. Derzeit werden zwei Impfdosen im zweiten Lebensjahr empfohlen. Die erste Impfung sollte einzeln erfolgen, die zweite kann mit Kombinationsimpfstoff vorgenommen werden.

Zu 2.:
Tatsächlich treten teilweise andere Pneumokokken-Serotypen an die Stelle von Serotypen, gegen die geimpft wird. Allerdings hat die Anzahl aller schweren (invasiven) Pneumokokkenerkrankungen nach Beginn der generellen Impfung trotzdem insgesamt abgenommen. Das Nationale Referenzzentrum für Streptokokken überwacht genau diese Entwicklung sehr genau. In den vergangenen Jahren sind deshalb sechs weitere Serotypen in den Impfstoff mit aufgenommen worden. Veröffentlichungen siehe wie oben beschrieben unter www.stiko.de oder hier auf Seite 23: nationale-impfkonferenz.de/…/Abstractband_IV_Nat_Impfkonferenz_2015_Web.pdf

Unter dem Stichpunkt "Impfberatung" haben wir verschiedene Fragen besorgter Eltern grundsätzlich beantwortet. Vielleicht werden Sie auch dort zu Ihren Fragen fündig: gesundes-kind.de/…/warum-impfen.jsp

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Gesundes-Kind Team

prof.knuf.jpg

Unser Expertenrat um Prof. Dr. med. Markus Knuf vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin an der Universitätsmedizin Mainz beantwortet Ihre Fragen zum Thema Impfschutz für Kinder.