Chronische Erkrankungen, Essstörungen, aber auch Leistungssport können bei Mädchen zu einer Verspätung der Pubertät führen

Eine „biologische Uhr“ in unserem Zwischenhirn steuert vieles, auch den Pubertätsbeginn. Ob ein Mädchen früh oder spät in die Pubertät kommt, hängt dabei von vielen Einflussfaktoren ab. Der Pubertätsbeginn kann familiär und individuell sehr unterschiedlich sein, ohne dass eine Störung vorliegt. Vererbung ist dabei ein relevanter Faktor.

Töchter von Müttern, deren Pubertät spät begonnen hat, kommen häufig selbst spät in die Pubertät. Auch die ethnische Zugehörigkeit spielt eine entscheidende Rolle. So kommen aus Drittweltländern adoptierte, in Europa aufwachsende Mädchen häufig früher in die Pubertät als europäische Mädchen. Der Einfluss verschiedener Umweltfaktoren auf den Pubertätsbeginn ist Gegenstand aktueller Forschungsprojekte. Der Lebensstil ist ebenfalls von großer Relevanz. Übergewicht kann die Pubertät beschleunigen, ein Effekt, der sich bei schwerer Adipositas aber wieder umkehrt, sodass die Pubertät schleppend verläuft. Ein Lebensstil mit einem Ungleichgewicht zwischen Kalorienzufuhr und -verbrennung zu Gunsten der Verbrennung (z.B. Leistungssport, „female athlete triad“, Unterernährung) führt ebenfalls zu einer Verzögerung des Pubertätsbeginns. „Die Beurteilung ‚zu früh‘ oder ‚zu spät‘ beruht dabei jedoch zunächst nur auf der Beobachtung im Vergleich mit dem Bevölkerungsdurchschnitt und sagt zunächst nichts darüber aus, ob dies krankhaft ist oder nicht“, erklärt Dr. med. Esther M. Nitsche, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderendokrinologie, Neonatologie und Autorin mehrerer Publikationen zu diesem Thema.

Beginnt die Pubertät (Brustknospung und/oder erste Schamhaare) zwischen 8 und 13½ Jahren, stagniert die Pubertät im Verlauf nicht länger als 1½ Jahre und tritt die erste Regelblutung weniger als 5 Jahre nach der Brustknospung ein, so gelten Pubertätsbeginn und -verlauf als normal. Aber auch bei einem Drittel all jener Mädchen, bei denen die Pubertät später als normal beginnt, liegt lediglich ein - meist familiäres - „gesundes Spätentwicklertum“ vor. Dies bedeutet aber zugleich, dass für die anderen zwei Drittel eine Ursache für die Verspätung der Pubertät gefunden werden, und, wenn möglich, behandelt werden muss. Viele chronische Erkrankungen können den Pubertätsbeginn verzögern und den -verlauf verlangsamen, jedoch gibt es auch diverse hormonelle Ursachen, die den Pubertätsbeginn und -verlauf stören können. Diagnose und Therapie sind nicht nur entscheidend für die sexuelle Reifung. Ein Hormonmangel in dieser Lebensphase, z.B. durch eine Essstörung, kann lebenslange Folgen nach sich ziehen (z.B. verminderte Knochenmasse, frühe Osteoporose), die es zu vermeiden gilt.

Nicht nur eine Verspätung der Pubertät bedarf ärztlicher Abklärung, sondern auch ein Pubertätsbeginn vor dem 8. Geburtstag beim Mädchen. Wie bei der verspäteten Pubertät gilt für die zu frühe, dass dies eine harmlose Normvariante, aber auch ein Hinweis auf eine schwerwiegende Erkrankung sein kann. Generell gilt, je weiter der Pubertätsbeginn vor dem normalen Beginn liegt, desto wahrscheinlicher handelt es sich um eine krankhafte Störung. Eine organische Ursache der vorzeitigen Pubertät ist bei Mädchen selten, muss aber zwingend abgeklärt werden. „Ist sicher, dass bei dem betroffenen Mädchen aus ungeklärter Ursache die ‚biologische Uhr zu früh geklingelt hat‘, keine organischen Ursachen erkennbar sind, die Pubertät nur wenig vor dem 8. Geburtstag begonnen hat und nicht ungewöhnlich rasch voranschreitet, so kann die Entscheidung für oder gegen eine pubertätsbremsende Behandlung ganz individuell getroffen werden. Im Gespräch zwischen der Patientin, ihren Eltern und dem behandelnden Arzt müssen dabei die Belastung und Folgen der Therapie abgewogen werden gegenüber der Stigmatisierung des betroffenen Mädchens durch die verfrühte Pubertät, die emotionale Belastung und das Ausmaß der zu erwartenden Wachstumsstörung. Eine Entscheidung, egal, wie diese ausfällt, mit weitreichenden Folgen für das Mädchen“, ergänzt Dr. Nitsche, die neben ihrer Mitgliedschaft im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) auch in der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde (DGKJ), der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und Diabetologie (DKED, ehem. APE) und der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendgynäkologie vertreten ist.

Quellen: Der Gynäkologe, Gynäkologische Endokrinologie
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04.04.2018 / www.kinderaerzte-im-netz.de
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