Gesundheit beginnt mit der Politik - Impfschutz, Früherkennung und Schutz vor Gewalt und Missbrauch in Deutschland nicht ausreichend

"Kindern eine Stimme geben bedeutet vor allem anderen zu gewährleisten, dass ihre Grundbedürfnisse erfüllt werden. Dazu gehört vor allem der Schutz ihrer Gesundheit. Denn ohne den Schutz der Gesundheit ist gesellschaftliche Teilhabe nicht möglich. Die politisch Verantwortlichen müssen sich mehr als bisher dafür einsetzen, dass alle Kinder in unserem Land von Geburt an die gleichen Chancen haben, gesund groß zu werden," so Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) heute in Köln.

"Von der bestmöglichen medizinischen Versorgung für alle Kinder, wie sie die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 20.11.1989 in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben hat, sind wir in unserem reichen Land immer noch meilenweit entfernt. Und wenn die Politik nicht handelt, wird sich die gesundheitliche Versorgung der Kinder und Jugendlichen in den nächsten Jahren sogar noch verschlechtern."

Nicht genug Kinder- und Jugendärzte für alle Kinder und Jugendlichen

Die Versorgung durch Kinder- und Jugendärzte werde, so Dr. Thomas Fischbach, demnächst ein unerreichbarer Luxus für Familien in vielen Gebieten in Deutschland, wenn die Politik nicht entschlossen und schnell handele. "Wir haben bereits heute in einigen Städten und vielen ländlichen Regionen eine Unterversorgung mit Kinder- und Jugendärzten. Es fehlt schlicht und einfach an Nachwuchs. Und dieser wiederum ist Folge fehlerhafter Bedarfsplanung.

Vermeidbare Krankheiten vermeiden

Kinder mit seltenen Stoffwechsel- oder Autoimmunerkrankungen sind auf eine frühe Diagnose angewiesen. Nur wenn ihre Krankheit früh erkannt wird, können sie mit Hilfe geeigneter Therapien ein halbwegs unbeschwertes Leben führen, zur Schule gehen und später einen Beruf erlernen. Wir brauchen also erweiterte Vorsorgen, um Kinder mit seltenen, aber behandelbaren Erkrankungen früher als bisher zu diagnostizieren. Hier ist der Gemeinsame Bundesausschuss gefragt.

Masern und kein Ende

Deutschland hinkt bei der Bekämpfung der Masern hinterher. Im Vergleich zu den Vorjahren erkrankten 2017 deutlich mehr Menschen an Masern, allein in NRW gab es bis August 510 Fälle. Wir brauchen endlich eine Impfpflicht. Eltern müssen mit allen Möglichkeiten, die der Gesetzgeber zulässt, daran erinnert werden, ihre Kinder impfen zu lassen. Und wenn die Gesetze keine ausreichenden Möglichkeiten zulassen, müssen wir auch darüber nachdenken, neue Gesetze zu verabschieden, die den Impfschutz für alle Kinder möglich machen.

Gewalt gegen Kinder und Jugendliche

Die Gewalt gegen Kinder nimmt zu. Das belegt die Polizeiliche Kriminalstatistik 2016. Jeden Tag werden in Deutschland mindestens zwölf Kinder misshandelt, drei Kinder sterben in der Woche. Bei den Zahlen, die die Polizeiliche Kriminalstatistik auswertet, handelt es sich um das sogenannte „Hellfeld“, also um Fälle, die auch zur Anzeige gebracht werden. Viele Fälle werden jedoch gar nicht erst der Polizei gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte daher weitaus höher sein. Wir haben zwar heute ein relativ dichtes Netz an "Sorgentelefonen" für Kinder und Jugendliche und auch vielerorts Anlaufstellen für junge Opfer von Gewalt, doch die Nottelefone sind nicht rund um die Uhr besetzt,  die Anlaufstellen sind personell häufig unterbesetzt. Hier muss der Bund sich finanziell mehr engagieren. Insbesondere müssen Kinder und Jugendliche auch gegen sexuelle Gewalt geschützt werden, die ihnen durch Sozialen Netzwerke drohen. Täter können sich heute Kindern und Jugendlichen über Facebook und Co nähern, sie können sich über sie informieren, sie kontaktieren und sie dann digital oder analog missbrauchen. Pornographische Bilder von Kindern verbreiten sich im Netz in Windeseile. Strafverfolgungsbehörden müssen personell dringend besser ausgerüstet werden, um den Tätern frühzeitig auf die Schliche zu kommen. Lehrer müssen für das Thema noch mehr als heute sensibilisiert werden, um helfen zu können. Experten schätzen, dass Kinder im Durchschnitt acht Personen ansprechen müssen, bevor ihnen geholfen wird. Ein solcher Missstand ist unhaltbar.

Schulen: Gesundheit auf den Lehrplan

Der BVKJ fordert seit vielen Jahren die Aufnahme von Gesundheits- und Ernährungsthemen in den Lehrplan der allgemeinbildenden Schulen. Kinder und Jugendliche müssen sensibilisiert werden für ihre Gesundheit, sie müssen lernen, Übergewicht, Fehlernährung und mangelnde Bewegung, aber auch Mobbing als Trigger für spätere Krankheiten zu vermeiden. Wir brauchen Schulärzte und Schulkrankenschwestern analog zu Betriebsärzten und Betriebskrankenpflegenden, die gemeinsam mit den Lehrenden für ein gesundes Lernumfeld an Schulen sorgen.

Kinderrechte  

Der BVKJ lässt nicht nach mit seiner Forderung "Kinderrechte ins Grundgesetz". Denn wenn wir der Überzeugung sind, dass Kinderrechte in unseren Alltag gehören und dort auch noch eine größere Rolle als bislang spielen sollten, dann gehören sie auch ins Grundgesetz. Kinder, die wissen, dass das Grundgesetz sie besonders schützt, sind selbstbewusster und gesünder. Kinderrechte stärken also auch ihre Resilienz. Deshalb gehören sie endlich ins Grundgesetz!"

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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. Der Abdruck dieser Pressemeldung oder von Teilen des Artikels ist unter folgender Quellenangabe möglich: www.kinderaerzte-im-netz.de. Bei Veröffentlichung in Online-Medien muss die Quellenangabe auf diese Startseite oder auf eine Unterseite des BVKJ-Elternportals verlinken. Fotos und Abbildungen dürfen grundsätzlich nicht übernommen werden.

 

18.09.2017 / www.kinderaerzte-im-netz.de
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