Kinder von heute können sich besser beherrschen als frühere Generationen

John Protzko sammelte die Ergebnisse aus jeder veröffentlichten und unveröffentlichten Anwendung des Marshmallow-Tests, die er finden konnte, beginnend mit der 1968 veröffentlichten Seminararbeit von Mischel, über 4 Studien in den 1970er-Jahren, 3 in den 1990er-Jahren, 6 in den 2000er-Jahren und 16 in unserem gegenwärtigen Jahrzehnt, an dem Kindern im Alter von zehn Jahren oder jüngeren Alters teilgenommen hatten. Protzko spekuliert, dass die Lücke in den 1980er Jahren auf der Einführung eines rivalisierenden Tests der Selbstregulierung beruht, der schneller anwendbar ist - die Geschenkverzögerungs-Aufgabe (Gift-Delay-Task).

Bevor er die Zahlen auswertete, befragte Protzko 260 Mitglieder der Cognitive Development Society (Gesellschaft für Kognitive Entwicklung) Listserv darüber, welche Ergebnisse sie erwarten würden. Etwas mehr als 50% sagten voraus, dass Protzko feststellen würde, dass die Selbstbeherrschung der Kinder heute niedriger als in der Vergangenheit liege; 20% prognostizierten keine Veränderung im Laufe der Zeit, und nur 16% glaubten, dass Kinder heute die Kinder der Vergangenheit übertreffen würden (die anderen erklärten, es gäbe nicht genug Daten, um die Frage zu beantworten).

Protzko fand einen statistisch signifikanten linearen Trend bei der Fähigkeit der Kinder, einer unmittelbaren Versuchung zu widerstehen, um auf eine größere Belohnung zu warten - diese scheint über die Jahrzehnte hinweg zu wachsen. Diese Veränderung ist ähnlich groß wie die bekannte Zunahme des durchschnittlichen IQs im gleichen Zeitraum. Diese Entwicklungen spiegeln möglicherweise gemeinsame Mechanismen wider, obwohl das in diesem Stadium reine Spekulationen sei, so Protzko. Die Bandbreite der Leistungen im Marshmallow-Test ist in den Jahrzehnten gleichgeblieben, was bedeutet, dass sich alle Kinder durchschnittlich in Bezug auf Selbstbeherrschung verbesserten, und nicht nur diejenigen Kinder, die ohnehin gut darin sind.

Experten hatten Kinder unterschätzt

Warum lagen die Experten so falsch? Protzko vermutet, dass sie ebenso anfällig für Vorurteile sind wie der Rest der Bevölkerung, wenn es um das "Die-Jugend-heutzutage-Phänomen“ geht: "Die Erinnerungen der Menschen an ihre eigenen und die Fähigkeiten anderer in der Kindheit sind unverhältnismäßig von ihren aktuellen Fähigkeiten beeinflusst. Während es in der Gegenwart einfach ist, Kinder zu betrachten und ihre Unfähigkeit, sich selbst zu beherrschen, zu kritisieren und den Untergang der Zivilisation zu verkünden, ist es viel schwieriger, sich genau daran zu erinnern, wie man war, als man selbst ein Kind gewesen ist."

Protzko denkt nicht, dass diese verbesserte Fähigkeit der Selbstbeherrschung in der Zukunft zu weniger Kriminalität und Sucht führen wird. "Diese [ungesunden und gefährlichen] Verhaltensweisen bestimmten uns Menschen seit Tausenden von Jahren und werden uns weitere Tausende begleiten", sagt er voraus.

Quelle: BPS – Research Digest, OSF




07.11.2017 / www.kinderaerzte-im-netz.de
| |