Kinderlähmung (Poliomyelitis)

Krankheitsbild

Zu Beginn einer Kinderlähmung (Poliomyelitis) leiden die Erkrankten an grippeartigen Symptomen. Später kann es bei jedem hundertsten bis tausendsten Infizierten zu den Lähmungen kommen, die der Krankheit ihren Namen gegeben haben. Sie betreffen hauptsächlich die Beine.

Erkennung und Behandlung

Eine ursächliche Behandlung ist nicht möglich, nur die Symptome können gelindert werden.

Übertragung und Vorkommen

Polio-Viren werden hauptsächlich durch Kontakt mit Kot ("Schmierinfektion") übertragen, aber auch durch Tröpfcheninfektion z.B. beim Sprechen oder Niesen. Früher trat die Krankheit weltweit auf. Heute ist sie nur noch in Afghanistan, Nigeria und Pakistan heimisch, in einige andere Länder wurde sie wieder eingeschleppt.

Vorbeugung

Nur die Impfung bietet Schutz vor der Krankheit.

Impfstoff

Impfstoff zur Injektion (in der Spritze).
Die "Schluckimpfung" − ein Lebendimpfstoff − wird in Deutschland seit 1998 nicht mehr eingesetzt.

 

Unser Rat für Sie:

Achten Sie bei Ihrem Säugling auf einen möglichst frühen und vollständigen Impfschutz. Am besten schauen Sie gleich mal in seinen Impfpass! Vor Fernreisen erkundigen Sie sich, ob eine Polio-Impfung für Sie selbst ratsam ist.

Wenn Sie noch mehr hierzu wissen möchten, wenden Sie sich an Ihren Arzt/Ihre Ärztin oder an die Experten der Universitätsklinik Mainz.

Krankheitsbild
Symptome und Verlauf

Die ersten Krankheitszeichen zeigen sich drei bis 35 Tage nach dem Kontakt mit dem Erreger. Eine Poliomyelitis verläuft zu mehr als 95 Prozent ohne sichtbare Krankheitszeichen, die Infizierten können aber dennoch das Virus weitergeben. Kommt es zur sichtbaren Erkrankung, verläuft diese meist wie viele andere Virusinfektionen: Zunächst treten grippeähnliche Beschwerden wie Fieber, Husten und eine Entzündung des Nasen-Rachen-Raums auf. Zum Teil kommt es auch zu Durchfall und Erbrechen. Greift die Krankheit auf das zentrale Nervensystem über, kommen Nackensteifigkeit und starke Kopfschmerzen hinzu. Dies betrifft jeden hundertsten bis tausendsten Infizierten, wobei das Risiko für Lähmungen mit steigendem Alter zunimmt. Nach einem kurzen, fieberfreien Intervall setzen die Lähmungen ein, die vor allem die Beine betreffen. Seltener werden die Hirnnerven und der Hirnstamm geschädigt, was zu Kreislaufstörungen und Atemlähmungen führt. In Einzelfällen können auch beide Formen gleichzeitig vorliegen. In der Erholungsphase kann sich ein Teil der Lähmungen zurückbilden. Bei zwei Drittel der Betroffenen bleiben die Lähmungen lebenslang bestehen.

In sehr seltenen Fällen kann das Gehirn so stark in Mitleidenschaft gezogen werden, dass Bewusstseinstrübung, Krampfanfälle oder psychische Veränderungen eintreten. Manche Patienten leiden lange Zeit nach einer Polio-Infektion an weiteren Spätfolgen ("Post-Polio-Syndrom"): Sie haben Schmerzen, ihre Muskeln werden zunehmend schwächer, ihre Atmung ist gestört, außerdem leiden sie unter Erschöpfungszuständen und einer Leistungsminderung. Betroffene können sich an die Selbsthilfeorganisation "Bundesverband Poliomyelitis e.V."  wenden.

Erkennung und Behandlung

Erst wenn Lähmungen auftreten, kann Verdacht geschöpft werden, dass eine Polio-Infektion vorliegt. Der Erreger wird dann mit Spezialuntersuchungen nachgewiesen. In ein Labor eingesendet werden Rachenspülwasser, Stuhl oder Hirnwasser (Liquor). Auch der Nachweis von Antikörpern, speziellen Abwehrstoffen des Körpers, belegt − indirekt − die Diagnose "Polio".

 

Übertragung und Vorkommen

Die Viren werden durch Kontakt mit infektiösem Stuhl oder durch Tröpfcheninfektion beim Niesen, Husten und Sprechen übertragen. Wer sich angesteckt hat, kann das Virus noch wochenlang im Stuhl ausscheiden. Patienten mit gestörtem Immunsystem bleiben unter Umständen über viele Jahre hinweg ansteckend.

Die Erreger der Kinderlähmung kommen dauerhaft noch in Afghanistan und Pakistan vor. Vor allem in Gebieten, in denen schlechte hygienische Bedingungen herrschen und in denen nicht oder nicht ausreichend geimpft wird, ist die Kinderlähmung immer noch verbreitet. Hier sind vor allem Kinder im Vorschulalter betroffen, während Kinder ab dem 5. Lebensjahr meist schon unbemerkt einen Abwehrschutz gegen das Virus aufgebaut haben. Durch erfolgreiche Massenimpfprogramme der WHO wird die Kinderlähmung immer weiter zurückgedrängt und ? hoffentlich ? bald völlig ausgerottet werden. Nord- und Südamerika sind seit 1994 frei von Kinderlähmung, der westpazifische Raum seit 2000, der europäische Raum seit 2002, der südostasiatische Raum seit 2014. Auch im Fernen Osten und China treten keine Fälle mehr auf. Das Polio-Virus kann jedoch jederzeit wieder eingeschleppt werden, sobald zu wenig geimpft wird, wie z.B. in die Ukraine 2015.

Auch in Industriestaaten wie Deutschland besteht immer noch die Gefahr, dass die Kinderlähmung aus Ländern eingeschleppt wird, in denen die Krankheit unverändert vorkommt.

Insgesamt gibt es drei Wildtypen des Polio-Virus: 1, 2 und 3. Polio-Virus vom Typ 2 wurde letztmalig 1999 in Indien festgestellt. Damit steigt die Hoffnung, dass dieses Wildvirus ausgerottet wurde. Am aktivsten ist noch Polio-Virus Typ 1.

 

Vorbeugung

Nur die Impfung bietet Schutz vor der Krankheit.

Impfung
Impfstoff

Es gibt einen Einzelimpfstoff und eine Reihe von Kombinationsimpfstoffen. Sie alle enthalten inaktivierte (abgetötete) Viren, die in Zellkulturen hergestellt werden. Für Kinder wird heute bevorzugt ein Sechsfach-Kombinationsimpfstoff eingesetzt, mit dem auch gleichzeitig gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, das Bakterium Hib und Hepatitis B geimpft werden kann.
Auch für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden in der Regel Kombinationsimpfstoffe eingesetzt, so können die jeweils anstehenden Auffrischimpfungen z.B. gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten in einer Spritze gegeben werden.

Der früher auch in Deutschland verwendete Impfstoff zur "Schluckimpfung" enthält abgeschwächte, aber noch lebende Viren, die ebenfalls in Zellkulturen vermehrt werden. Dieser Impfstoff wird wegen seiner einfachen Anwendbarkeit und seines geringen Preises auch heute noch in vielen Ländern verwendet. Es gehört zu den erwünschten Nebeneffekten der Lebendimpfung, dass Geimpfte das abgeschwächte Virus über einige Wochen ausscheiden und damit andere, noch Ungeimpfte ebenfalls immunisieren. Zu den unerwünschten Nebeneffekten der Lebendimpfung gehört es, dass Personen mit defektem Immunsystem, die in Kontakt zu den Impfviren kommen, vereinzelt an einer Impfpoliomyelitis erkranken. Viele Länder, in denen kein Wildtyp-Polio-Virus mehr zirkuliert, haben deshalb in den vergangenen Jahren auf Totimpfstoffe gegen Polio umgestellt.

 

Anwendung des Impfstoffs

Die Einzel- oder Kombinationsimpfstoffe werden in der Regel in den Muskel gespritzt. Falls erforderlich, können einige der Impfstoffe auch unter die Haut gespritzt werden.

Kombinationsimpfstoff:
Zur Grundimmunisierung im Kindesalter sind je nach verwendetem Impfstoff zwei Impfungen im Abstand von mindestens acht Wochen oder drei Impfungen im Abstand von mindestens vier Wochen im ersten Lebensjahr und eine vierte Impfung mindestens sechs Monate später (meist im zweiten Lebensjahr) erforderlich. Nach insgesamt drei Impfungen ist mit einem ausreichenden Schutz zu rechnen. Manche Kombinationsimpfstoffe sind nur zur Auffrischung für ältere Kinder und Erwachsene zugelassen.

Einzelimpfstoffe:
Die Grundimmunisierung umfasst drei Impfungen im Abstand von mindestens vier Wochen.

 

Wirksamkeit des Impfstoffs

Die Impfstoffe gegen Kinderlähmung führen zu einem sicheren und langanhaltenden Schutz vor einer Krankheit. Wurden die Säuglingsimpfungen vollständig durchgeführt, können bei 98,5 bis fast 100 Prozent der Geimpften schützende Antikörper gegen das Virus nachgewiesen werden.

 

Wer geimpft sein sollte

Die Impfung gegen Kinderlähmung ist eine allgemein, von den Gesundheitsbehörden öffentlich empfohlene Impfung für alle Kinder ab einem Alter von zwei Monaten. Eine Auffrischimpfung wird für Jugendliche im Alter von neun bis 17 Jahren empfohlen.
Bislang ungeimpfte oder unvollständig Geimpfte sollten die Polio-Impfung baldmöglichst nachholen. Insgesamt sollte jeder Bundesbürger bis zu seinem 18. Geburtstag eine Grundimmunisierung und mindestens eine Auffrischimpfung erhalten haben.

Auf ausreichenden Impfschutz ist auch zu achten, wenn das Infektionsrisiko erhöht ist, etwa vor Reisen in Infektionsgebiete, bei Kontakt zu Menschen, die gerade aus Infektionsgebieten eingereist sind oder eventuell auch bei medizinischem Personal und Laborpersonal. Einreisende (Aussiedler, Flüchtlinge, Asylsuchende) aus Ländern mit Polio-Risiko und ohne dokumentierte Polio-Impfung sollten einen Impfschutz gegen Polio erhalten. Sollte es in Deutschland zu einem Polio-Ausbruch kommen, entscheiden die Gesundheitsbehörden, wer sich impfen lassen sollte.

 

Wer nicht geimpft werden sollte

Bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Impfstoffbestandteile darf nicht geimpft werden. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter "Besondere Situationen & Erkrankungen".

 

Nebenwirkungen des Impfstoffs
Mögliche Lokal- und Allgemeinreaktionen

Wird Kombinationsimpfstoff verwendet, schmerzt bei bis zu einem Fünftel der Geimpften die Impfstelle, schwillt an und rötet sich; gelegentlich schwellen Lymphknoten in der Nähe mit an. Sehr selten bildet sich ein kleines Knötchen an der Injektionsstelle.

Besonders bei 3- bis 6-Jährigen wurde häufig Reizbarkeit beobachtet. Gelegentlich kann es zu grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Frösteln, Kopf- und Gliederschmerzen, Kreislaufbeschwerden und Müdigkeit kommen. Auch Magen-Darm-Beschwerden, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall) können auftreten. Nach wiederholten Impfungen sind diese Reaktionen häufiger. Ist eine Keuchhusten-Komponente im Kombinationsimpfstoff enthalten, kann zudem die gesamte Gliedmaße anschwellen, in die geimpft wurde, und bei sehr jungen Kindern wurde nach der Impfung länger anhaltendes schrilles Schreien beobachtet. Gelegentlich tritt hohes Fieber auf (39,5 °C und mehr).

Wird (bevorzugt im Erwachsenenalter) Einzelimpfstoff verwendet, sind diese Reaktionen insgesamt seltener und treten eher nach der ersten Impfdosis auf. Bitte lesen Sie hierzu unbedingt auch unsere Impfberatung zu Kombinationsimpfstoffen.

Mögliche Komplikationen

Wird Kombinationsimpfstoff verwendet, kommt es selten zu allergischen Reaktionen an der Haut oder an den Atemwegen. Wie bei vielen Impfstoffen ist in sehr seltenen Einzelfällen eine allergische Sofortreaktion möglich. Ebenfalls sehr selten sind Erkrankungen des Nervensystems außerhalb von Gehirn und Rückenmark beschrieben worden. Dies äußerte sich z.B. durch Lähmungen, Missempfindungen, Erschöpfungszustände, Übererregbarkeit oder fortschreitende Ausfälle.

Wird Kombinationsimpfstoff mit Keuchhusten-Komponente verwendet, kann es in einzelnen Fällen im Zusammenhang mit Fieber beim Säugling und jungen Kleinkind zu einem Fieberkrampf kommen. Er bleibt in der Regel jedoch ohne Folgen. Ebenfalls in Einzelfällen kam es nach dieser Impfung zu einer hypoton-hyporesponsiven Episode (HHE). Bei diesem kurzzeitigen Schock ähnlichen Zustand erschlaffen die Muskeln und das Kind reagiert nicht, wenn es angesprochen wird. Eine HHE bildet sich jedoch schnell und folgenlos zurück. Auch diese Kinder sollten vollständig geimpft werden.

Bei sehr unreif geborenen Kindern (≤28. Schwangerschaftswoche) wurde während der Grundimmunisierung Atemstillstand beobachtet. Solche Kinder sollten entsprechend überwacht werden. Da diese Kinder besonders von der Impfung profitieren, sollte diese nicht aufgeschoben werden.

Besonders bei Jugendlichen kann es im Zuge einer Impfung zu einer Ohnmacht kommen.

Wird (bevorzugt im Erwachsenenalter) Einzelimpfstoff verwendet, treten allergische Reaktionen nur in sehr seltenen Einzelfällen auf. Bitte lesen Sie hierzu unbedingt auch unsere Impfberatung zu Kombinationsimpfstoffen.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter "Mögliche Nebenwirkungen".

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