Windpocken (Varizellen)

Krankheitsbild

Windpocken sind eine Krankheit, die mit juckenden Papeln, Bläschen und schließlich deren Verkrustung einhergeht.

Erkennung und Behandlung

Windpocken sind anhand der typischen Beschwerden und Hautveränderungen gut zu erkennen. Besonders gefährdeten Personen oder bei sehr schweren Verläufen können Medikamente gegen die Virusvermehrung gegeben werden.

Übertragung und Vorkommen

Das Virus wird durch Tröpfcheninfektion beim Niesen, Husten und Sprechen oder beim direkten Kontakt mit Erkrankten übertragen. Windpocken sind auf der ganzen Welt verbreitet.

Vorbeugung

Nur die Impfung schützt.

Impfstoff

Lebendimpfstoffe zur Injektion (in der Spritze).

 

Unser Rat für Sie:

Allen Kindern im Alter von elf bis 23 Monaten werden seit Juli 2009 zwei Windpocken-Impfungen empfohlen. Bislang ungeimpfte oder unvollständig geimpfte Kinder sollten die Impfung baldmöglichst nachholen, spätestens im Alter von neun bis 17 Jahren. Waren Sie selbst noch nie an Windpocken erkrankt, berät Sie Ihr Arzt/Ihre Ärztin oder Gesundheitsamt, ob Sie selbst zu einer Risikogruppe gehören, die geimpft sein sollte.

Wenn Sie noch mehr hierzu wissen möchten, wenden Sie sich an Ihren Arzt/Ihre Ärztin oder an die Experten der Universitätsklinik Mainz.

Krankheitsbild
Symptome und Verlauf

Ungefähr zwei Wochen nach der Ansteckung beginnen die Beschwerden mit leichtem Fieber, es treten juckende Papeln und Bläschen auf, die später Krusten bilden und abheilen. Meist verläuft die Krankheit gutartig und ist nach ein bis zwei Wochen überstanden. Aber: Vor Einführung der Impfung mussten schätzungsweise mehr als 2.000 Kinder unter 16 Jahren jedes Jahr wegen Windpocken oder deren Folgen ins Krankenhaus. Jeder fünfte Windpockenkranke - egal welchen Alters - erkrankt später am oft sehr schmerzhaften Herpes zoster (Gürtelrose).

Beispielsweise im Jahr 2003 mussten mehr als 8.000 Menschen in Deutschland wegen eines Herpes zoster im Krankenhaus behandelt werden. Jedes Jahr endet eine Windpocken-Erkrankung bei schätzungsweise 5 Patienten schließlich mit dem Tode. Andere Industrieländer beobachten ähnliche Fallzahlen.

Sobald das Immunsystem des Körpers sich zur Wehr setzt, "versteckt" sich das Virus in Nervenzellen. Dies passiert bei allen Personen, die sich mit dem Erreger infizieren. Aus den Nervenzellen kann das Virus auch noch Jahrzehnte nach der Erstinfektion wieder auftauchen. Es kommt dann zunächst zu Schmerzen und später bilden sich im Versorgungsbereich des Nervs Bläschen. Da dieser Hautausschlag wie ein Gürtel um den Körper laufen kann, spricht man auch von "Gürtelrose" (Zoster).

Daneben können Patienten mit geschwächtem Immunsystem im Rahmen von Windpocken-Infektionen eine Lungenentzündung oder auch eine Gehirnentzündung entwickeln. Besonders gefährlich sind Windpocken während der Schwangerschaft.

In der Frühschwangerschaft kann das Kind im Mutterleib infiziert werden − schwere Fehlbildungen oder der Tod des Kindes sind die Folge. Auch Infektionen in der zeitlichen Nähe des Geburtstermins führen oft zu schweren Krankheitsverläufen beim Neugeborenen.

Erkennung und Behandlung

Ärzte können die Windpocken anhand der typischen Beschwerden und Hautveränderungen mit hoher Sicherheit erkennen. In seltenen, unklaren Fällen wird die Diagnose mittels einer Laboruntersuchung bestätigt.

Besonders gefährdeten Personen oder bei sehr schweren Verläufen können Medikamente gegen die Virusvermehrung gegeben werden. Sie werden auch bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem oder bei Patienten mit Gürtelrose angewandt.

Übertragung und Vorkommen

Die Windpocken sind hoch ansteckend und werden durch Tröpfcheninfektion beim Niesen, Husten und Sprechen übertragen. Auch der direkte Kontakt mit Erkrankten kann zur Ansteckung führen. Die ansteckungsfähige Zeit beginnt zwei Tage vor Auftreten des ersten Hautausschlags und dauert in der Regel bis etwa fünf Tage nachdem die letzten frischen Papeln oder Bläschen aufgetreten sind.

Die Zeit zwischen Ansteckung mit Windpocken und Ausbruch der Krankheit (Inkubationszeit) liegt bei acht bis 21 Tagen, im Durchschnitt bei 14 bis 16 Tagen.

Die Erreger der Windpocken sind auf der ganzen Welt verbreitet. Fast alle Erwachsenen haben die Windpocken durchgemacht und sind somit immun. Etwa drei bis vier Prozent der Erwachsenen sind dies allerdings nicht, was besonders bei Schwangeren problematisch werden kann.

In den USA wird seit 1996 allen Kindern die Windpocken-Impfung empfohlen, seit 2006 zweimalig. Im Durchschnitt werden 90 Prozent der Kleinkinder geimpft. Das Windpocken-Virus konnte durch die Kinderimpfung gut "ausgesperrt" werden: Schon im Jahr 2000 gab es in der gesamten US-amerikanischen Bevölkerung rund 90 Prozent weniger Windpockenfälle als vor Einführung der Impfung. 2010 waren es 97 Prozent weniger.

In Deutschland wird die Impfung seit 2004 empfohlen. Im Jahr 2010 waren nur 57 Prozent der Kinder bei Einschulung einmal geimpft und nur rund ein Viertel zweimal. Dennoch mussten in Deutschland im Jahr 2010 nur noch halb so viele Menschen wegen schwerer Windpocken-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden. Bei Kindern unter fünf Jahren ging diese Zahl um mehr als 80 Prozent zurück.

Vorbeugung

Langfristigen Schutz vor der Krankheit bietet nur die aktive Impfung. Spezielle Medikamente können ebenfalls vorbeugend angewendet werden, wirken aber nur kurzzeitig.

Impfung
Impfstoff

Der Impfstoff enthält eine abgeschwächte und ungefährliche Variante des Windpocken-Virus. Windpocken-Impfstoff gibt es auch als Vierfachkombination zusammen mit Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff (MMRV).

Anwendung des Impfstoffs

Windpocken-Impfstoffe werden unter die Haut (subkutan) oder in einen Muskel gespritzt.

Die Varizellen-Impfung wird ab einem Alter von elf (bis 14) Monaten empfohlen, mit 15 bis 23 Monaten ist die zweite Impfdosis fällig. Unter bestimmten Umständen − wie der Besuch einer Kindereinrichtung − kann die Impfung auch früher gegeben werden.

Das Kind muss jedoch mindestens neun Monate alt sein. Auch Jugendliche und Erwachsene erhalten zwei Impfdosen. Für die Windpocken-Einzelimpfstoffe gilt ein Mindestabstand von vier Wochen. Der MMRV-Kombinationsimpfstoff ist bis zum Tag des 13. Geburtstags zugelassen und wird bevorzugt für die zweite Impfdosis eingesetzt.

Je nach verwendetem Impfstoff kann die Windpocken- oder MMRV-Impfung gleichzeitig mit verschiedenen anderen Impfstoffen (z.B. Sechsfachimpfstoff, Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff, Fünffachimpfstoff) verabreicht werden.

Zur Frage, wann welcher Einzel- oder Kombinationsimpfstoff am besten angewendet wird, berät der Impfarzt/die Impfärztin.

 

Wirksamkeit des Impfstoffs

Nach einmaliger Impfung beträgt die Schutzrate etwa 80 Prozent. Nach zwei Impfdosen beträgt die Schutzrate der Windpocken-Impfung (insbesondere vor schweren Krankheitsverläufen) fast 100 Prozent. Es werden dann vergleichbar so viele Antikörper gebildet wie nach natürlicher Infektion. Gürtelrose tritt bei Geimpften seltener auf und verläuft leichter.

 

Wer geimpft sein sollte

Die Windpocken-Impfung ist eine von den Gesundheitsbehörden "öffentlich empfohlene" Impfung für alle Kinder ab einem Alter von elf Monaten. Bislang ungeimpfte oder unvollständig geimpfte Kinder und Jugendliche sollten die Impfung baldmöglichst nachholen, spätestens in einem Alter von neun bis 17 Jahren. Außerdem sollten sich folgende Personen gegen Windpocken impfen lassen, falls sie die Krankheit noch nicht hatten und sofern keine gesundheitlichen Gründe gegen die Impfung sprechen:

  • Patienten, bei denen das Immunsystem im Rahmen einer medizinischen Behandlung z. B. wegen einer Organtransplantation geschwächt werden soll − oder enge Kontaktpersonen
  • Patienten mit schwerer Neurodermitis − oder enge Kontaktpersonen
  • Frauen mit Kinderwunsch
  • Personal im medizinischen Bereich (vor allem in der Kinderheilkunde, Geburtshilfe, Krebsbehandlung, Intensivmedizin), besonders bei Kontakt zu Kindern und zu Patienten mit geschwächtem Immunsystem, außerdem neu eingestelltes Personal in Gemeinschaftseinrichtungen, das Kinder im Vorschulalter betreut.
  • Ungeimpfte Personen, die die Krankheit noch nicht hatten und die Kontakt zu gefährdeten Personen (siehe oben) haben, können und sollten unter bestimmten Voraussetzungen auch nach einer möglichen Ansteckung noch geimpft werden: Möglich ist die so genannte postexpositionelle Impfung innerhalb von fünf Tagen nach Kontakt zu einem an Windpocken Erkrankten oder innerhalb von drei Tagen nachdem der erste Fall z.B. im Kindergarten aufgetreten ist.

 

Wer nicht geimpft werden sollte

Zu Beginn einer Behandlung, die das Immunsystem schwächt, bei schwerer Immunschwäche und während einer Schwangerschaft darf nicht geimpft werden. Bei einer Überempfindlichkeit gegen Inhaltsstoffe des Impfstoffs, wie beispielsweise gegen Neomycin, darf ebenfalls nicht geimpft werden.

Bei einer Neomycin-Kontaktallergie muss jedoch nicht auf eine Impfung verzichtet werden. Ebenso darf der MMRV-Impfstoff bei einer Unverträglichkeit gegen Hühnereiweiß gegeben werden, da der Impfstoff nur minimale Spuren von Hühnereiweiß enthält. Eine Ausnahme besteht jedoch, wenn nach Genuss von Hühnereiweiß schwerste allergische Reaktionen aufgetreten sind. Dann sollte der MMRV-Impfstoff nicht eingesetzt werden. Bei Kindern mit Hirnschäden oder mit Veranlagung zu Krampfanfällen sollte er nur mit Vorsicht angewandt werden.

Nach Impfung mit Windpocken-Einzelimpfstoff oder MMRV-Impfstoff soll eine Schwangerschaft für einen Monat verhütet werden.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter "Besondere Situationen & Erkrankungen".

 

Nebenwirkungen des Impfstoffs
Mögliche Lokal- und Allgemeinreaktionen

Die Impfstelle kann vorübergehend leicht gerötet und geschwollen sein und schmerzen − vor allem bei Erwachsenen nach der zweiten Impfung. Bei etwa einer von zehn Impfungen tritt leichtes Fieber auf. Gelegentlich kann es eine bis vier Wochen nach der Impfung zu Symptomen einer leichten "Impfkrankheit" (Fieber mit einem schwachen windpockenähnlichen Hautausschlag) kommen.

Alle diese Erscheinungen sind nur vorübergehend.

Mögliche Komplikationen

Sehr selten kann eine allergische Reaktion auftreten. In Einzelfällen wurde über eine allergische Sofortreaktion, eine Gürtelrose oder eine Lungenentzündung bei gesunden und immundefizienten Impflingen berichtet. Bei immungeschwächten Personen, die geimpft werden, kann in seltenen Fällen eine gutartige, leichte Windpocken-Krankheit auftreten. Dann kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass das Impfvirus von der geimpften Person auf eine Kontaktperson übertragen wird. Dies ist jedoch nach jahrzehntelanger weltweiter Anwendung von Windpocken-Impfstoffen nur in wenigen Einzelfällen beschrieben worden. Bei der Mehrzahl dieser Kontaktpersonen lag eine geschwächte Immunabwehr vor oder aber es handelte sich um eine zunächst unbemerkte Infektion mit dem Wildvirus.

Das Impfvirus kann genau wie das Wildvirus zu einer dauerhaften Infektion der Nervenzellen führen. In Einzelfällen wurde - meist bei Kindern - ein daraus resultierender Zoster (Gürtelrose) beobachtet. Dieser verlief in der Regel mild und ohne Komplikationen. Das Risiko, eine Gürtelrose nach der Impfung zu bekommen, ist deutlich geringer als bei einer Infektion mit dem Wildvirus.

Die Nebenwirkungen des MMRV-Impfstoffs entsprechen im Wesentlichen den Nebenwirkungen nach Windpocken-Einzelimpfung und nach MMR-Impfung. Nach MMRV-Impfung sind bei einer entsprechenden Veranlagung in seltenen Fällen auch Fieberkrämpfe möglich. Sie bleiben in der Regel ohne Folgen. Dennoch sollte MMRV-Impfstoff bei Kindern mit Hirnschäden oder mit Veranlagung zu Krampfanfällen nur mit Vorsicht angewandt werden. Im Zusammenhang mit "natürlichen" Masern sind solche Fieberkrämpfe jedoch weitaus schlimmer bzw. häufiger.

Weitere Informationen finden Sie unter "Mögliche Nebenwirkungen".

08.02.2017 / MK
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