Impfung gegen Kinderlähmung (Polio-Impfung)

Krankheitsbild

Erste Krankheitszeichen der Kinderlähmung (Poliomyelitis) sind grippeartige Symptome. Später kann es bei jedem hundertsten bis tausendsten Infizierten zu den Lähmungen kommen, die der Krankheit ihren Namen gegeben haben. Die Lähmungserscheinungen betreffen hauptsächlich die Beine.

Übertragung und Vorkommen

Polioviren werden vor allem durch eine Schmierinfektion übertragen, aber auch durch Tröpfcheninfektion z.B. beim Sprechen oder Niesen. Früher trat die Krankheit weltweit auf. Heute sind Polioviren nur noch in Afghanistan, Nigeria und Pakistan heimisch, aber auch in anderen Regionen kommt es zu einzelnen Erkrankungsfällen oder Ausbrüchen.

Vorbeugung

Gegen Kinderlähmung steht eine Schutzimpfung zur Verfügung.

Impfstoff Einzel- und Kombinationsimpfstoffe zur Injektion (in der Spritze)
Impfempfehlung

Grundimmunisierung ab einem Alter von zwei Monaten (bevorzugt mit Sechsfach-Impfstoff); Auffrischimpfung im Alter zwischen neun und 16 Jahren (bevorzugt als Tetanus-Diphtherie-Pertussis-Polio-Kombinationsimpfung); Auffrischimpfung im Erwachsenenalter bei besonderen Risiken

 

Unser Rat für Sie:

Achten Sie bei Ihrem Säugling auf einen möglichst frühen und vollständigen Impfschutz gegen Polio und lassen Sie die Impfung im Jugendalter auffrischen. Am besten schauen Sie gleich mal in den Impfpass! Erkundigen Sie sich vor Fernreisen, ob eine Polio-Impfung auch für Sie selbst ratsam ist.

Wenn Sie noch mehr hierzu wissen möchten, wenden Sie sich an Ihren Arzt/Ihre Ärztin oder an die Experten der Universitätsklinik Mainz.

Krankheitsbild Kinderlähmung (Poliomyelitis)

Symptome und Verlauf

Eine Infektion mit Polioviren verläuft zu mehr als 95 Prozent ohne sichtbare Krankheitszeichen, die Infizierten können aber dennoch das Virus weitergeben.

Kommt es zu einer Erkrankung, treten erste Krankheitszeichen drei bis 35 Tage nach dem Kontakt mit dem Erreger auf. Erste Symptome sind grippeähnliche Beschwerden wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Halsschmerzen und Abgeschlagenheit sowie Durchfall und Erbrechen. Greift die Krankheit auf das zentrale Nervensystem über, kommen Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen und Muskelkrämpfe hinzu.

Bei jedem hundertsten bis tausendsten Infizierten entwickeln sich Lähmungen, vor allem an den Beinen, aber auch an der Arm-, Bauch- oder Augenmuskulatur. Die Atemmuskulatur kann ebenfalls betroffen sein. Die Lähmungen bilden sich typischerweise teilweise, aber nicht vollständig zurück.

Jahre oder Jahrzehnte später kann ein Postpolio-Syndrom auftreten, bei dem sich Lähmungserscheinungen verschlimmern und ein Muskelschwund hinzukommt.

 

Erkennung und Behandlung

Bei Verdacht auf Kinderlähmung wird das Poliovirus mit Spezialuntersuchungen nachgewiesen.

Da keine spezifische Therapie gegen das Poliovirus verfügbar ist, werden nur die Symptome behandelt. Je nach Verlaufsform sind meist längere physiotherapeutische und orthopädische Nachbehandlungen erforderlich.

 

Übertragung und Vorkommen

Polioviren werden von Erkrankten bis zu sechs Wochen lang mit dem Stuhl ausgeschieden, bei gestörtem Immunsystem unter Umständen sogar über Monate bis Jahre. Schlechte hygienische Verhältnisse begünstigen die Ausbreitung der Polioviren.

Die Ansteckung erfolgt vorwiegend durch eine Schmierinfektion, wenn Erreger an die Hände und von dort in den Mund gelangen (fäkal-oral). Ebenso kann verunreinigtes Trinkwasser eine Infektionsquelle sein. Auch über eine Tröpfcheninfektion beim Niesen, Husten und Sprechen können Polioviren übertragen werden.

Vor Einführung der Impfung waren Polioviren weltweit verbreitet. Durch erfolgreiche Impfprogramme konnte die Kinderlähmung jedoch zurückgedrängt werden. Ziel der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Global Polio Eradication Initiative ist es, die Poliomyelitis wie die Pocken weltweit auszurotten. Polioviren sind heute noch in Afghanistan und Pakistan heimisch. Immer wieder kommt es aber auch in anderen Regionen zum Auftreten von einzelnen Fällen und Ausbrüchen. Auch in Polio-freien Regionen wie Deutschland wird weiterhin die Impfung empfohlen, um eine Rückkehr der Kinderlähmung zu verhindern.

 

Vorbeugung

Gegen Kinderlähmung steht eine Schutzimpfung zur Verfügung.

Impfung gegen Kinderlähmung (Polio-Impfung)

Impfstoff

Zur Impfung gegen Kinderlähmung sind in Deutschland Einzel- und Kombinationsimpfstoffe verfügbar. Sie enthalten inaktivierte (abgetötete) Viren, die in Zellkulturen hergestellt werden (inaktivierte trivalente Poliovakzine, IPV).

Der früher auch in Deutschland verwendete Lebendimpfstoff zur Schluckimpfung (orale Poliomyelitisvakzine, OPV) enthält abgeschwächte Viren. Bei der Impfung mit diesem Lebendimpfstoff kommt es zu einer vorübergehenden Ausscheidung von Impfviren im Stuhl. Das kann zu einer Immunisierung auch von engen Kontaktpersonen des Geimpften führen. Durch Mutationen der Impfviren kann es jedoch zu einer Impf-Poliomyelitis (vakzineassoziierte paralytische Poliomyelitis, VAPP) kommen. Impfviren können auch in der Bevölkerung zirkulieren oder bei unzureichenden hygienischen Verhältnissen im Trinkwasser nachweisbar sein. Die Schluckimpfung mit Lebendimpfstoff wird in Deutschland seit 1998 nicht mehr empfohlen, es wird ausschließlich IPV eingesetzt.

 

Anwendung des Impfstoffs

Die Einzel- oder Kombinationsimpfstoffe werden in der Regel in den Muskel gespritzt. Falls erforderlich, können einige der Impfstoffe auch unter die Haut gespritzt werden.

Kombinationsimpfstoff:

Zur Grundimmunisierung im Säuglings- und Kleinkindalter wird bevorzugt Sechsfach-Kombinationsimpfstoff eingesetzt, mit dem außer gegen Polio auch gleichzeitig gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten (Pertussis), Haemophilus influenzae Typ b (Hib) und Hepatitis B geimpft wird. Die Ständige Impfkommission STIKO empfiehlt hierfür bei reifgeborenen Säuglingen drei Impfungen (2+1-Schema): Die ersten beiden Impfungen sollen im Alter von 2 und von 4 Monaten in einem Abstand von 2 Monaten gegeben werden. Die dritte Impfung soll im Alter von 11 Monaten mit einem Abstand von mindestens 6 Monaten zur vorherigen Impfung erfolgen.

Frühgeborene, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren sind, sollen nach dem 3+1-Impfschema mit vier Impfstoffdosen geimpft werden, und zwar im Alter von 2, 3, 4 und 11 Monaten. Zwischen den ersten drei Impfstoffdosen soll jeweils ein Mindestabstand von 4 Wochen liegen; zwischen der dritten und vierten Impfstoffdosis ist ein Mindestabstand von 6 Monaten einzuhalten.

Im Alter zwischen 9 und 16 Jahren sollte eine Auffrischimpfung gegen Poliomyelitis (bevorzugt als Tetanus-Diphtherie-Pertussis-Polio-Kombinationsimpfung) erfolgen.

Versäumte Impfungen sollten baldmöglichst nachgeholt werden.

Einzelimpfstoff:

Die Grundimmunisierung mit dem in Deutschland verfügbaren Einzelimpfstoff umfasst drei Impfungen im Abstand von mindestens einem Monat.

 

Wirksamkeit des Impfstoffs

Die Impfstoffe gegen Kinderlähmung führen zu einem sicheren und langanhaltenden Schutz vor der Krankheit. Wurden die Säuglingsimpfungen vollständig durchgeführt, können bei 98,5 bis fast 100 Prozent der Geimpften schützende Antikörper gegen das Virus nachgewiesen werden.

 

Wer geimpft sein sollte

Die Impfung gegen Kinderlähmung ist eine allgemein, von den Gesundheitsbehörden öffentlich empfohlene Impfung für alle Kinder ab einem Alter von 2 Monaten.

Eine Auffrischimpfung wird für Jugendliche im Alter von neun bis 16 Jahren empfohlen.

Als vollständig geimpft gelten Personen, die eine komplette Grundimmunisierung und eine einmalige Auffrischimpfung erhalten haben. Versäumte Impfungen sollten baldmöglichst nachgeholt werden.

Weitere routinemäßige Auffrischimpfungen im Erwachsenenalter sind in Deutschland nicht vorgesehen.

Reisende sollten die Reiseempfehlungen der STIKO, die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes sowie das Merkblatt zur Poliomyelitis-Impfung bei Auslandaufenthalten beachten.

Auch Einreisende aus Infektionsrisikogebieten wie Flüchtlinge und Asylsuchende sollten gegen Poliomyelitis geimpft sein.

Personal, das zum Beispiel in Gemeinschaftsunterkünften oder bei der medizinischen Betreuung Kontakt zu Erkrankten haben kann, ebenso Personal in Laboren mit Poliomyelitis-Risiko sollte alle 10 Jahre eine Auffrischimpfung erhalten.

 

Wer nicht geimpft werden sollte

Bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Impfstoffbestandteile darf nicht geimpft werden.

Weitere Gegenanzeigen, bei denen nicht geimpft werden darf, sind der Packungsbeilage zu entnehmen.

Bei einer akuten, behandlungsbedürftigen Erkrankung und Fieber ist die Impfung zu verschieben.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter "Besondere Situationen & Erkrankungen".

 

Nebenwirkungen des Impfstoffs

Zu den möglichen Nebenwirkungen der Impfung gegen Polio zählen folgende Impfreaktionen und seltene Komplikationen:

Mögliche Lokal- und Allgemeinreaktionen

Zu den Impfreaktionen aufgrund der Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Impfstoff zählen Schwellungen, Rötungen und Schmerzhaftigkeit an der Impfstelle. Lymphknoten in der Nähe können ebenfalls anschwellen. Außerdem können Allgemeinsymptome wie Fieber, Frösteln, Kopf- und Gliederschmerzen, Kreislaufbeschwerden und Müdigkeit auftreten. Auch Magen-Darm-Beschwerden wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sind möglich. Außerdem kann es zu ungewöhnlichem Schreien, Reizbarkeit und Unruhe kommen.

Alle diese Erscheinungen sind nur vorübergehend und klingen in der Regel rasch und folgenlos ab.

Mögliche Komplikationen

Wie bei den meisten Impfstoffen können in seltenen Fällen allergische Reaktionen auftreten.

Wird Kombinationsimpfstoff mit Keuchhusten-Komponente verwendet, kann in einzelnen Fällen im Zusammenhang mit Fieber beim Säugling und jungen Kleinkind ein Fieberkrampf auftreten. Dieser bleibt in der Regel jedoch ohne Folgen. Ebenfalls in Einzelfällen kam es nach dieser Impfung zu einer hypoton-hyporesponsiven Episode (HHE) kommen. Bei diesem kurzzeitigen schockähnlichen Zustand erschlaffen die Muskeln und das Kind reagiert nicht, wenn es angesprochen wird. Eine HHE bildet sich jedoch schnell und folgenlos zurück.

Weitere Nebenwirkungen, die nach der Impfung auftreten können, sind in der Packungsbeilage aufgeführt.

Weitere Informationen finden Sie auch unter "Mögliche Nebenwirkungen".

Ihr Arzt bzw. Ihre Ärztin wird Sie individuell beraten und vor der Impfung ausführlich über Nutzen und mögliche Risiken aufklären. Weitere Hinweise finden Sie unter „Information vor der Impfung“.

01.09.2021 / Redaktion Gesundes-Kind.de
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