Island: Umfangreiche Maßnahmen lassen Tabak- und Alkoholkonsum von Jugendlichen drastisch sinken

Maßnahmen wie Einführung von Sperrstunden, die Anhebung des Alters der Volljährigkeit und die Förderung von Sport führten dazu, dass in Island nun kaum noch Teenager zu Zigaretten, Alkohol und Drogen greifen.

Diese Entwicklung ist eine überraschende Kehrtwende gegenüber den frühen 1990er-Jahren, in denen sich eine beunruhigende Tendenz abzeichnete. Fast die Hälfte der damals befragten 15- und 16-Jährigen gaben an, sie hätten Alkohol im vorigen Monat getrunken, einer von vier rauchte demnach und 17% sagten, sie hätten Cannabis konsumiert.

„Damals hätte sich jeder, der am Freitag- oder Samstagabend in den Straßen von Reykjavik spazieren  ging, gefürchtet", erzählte US-Psychologe Professor Harvey Milkman, der an dem Projekt von Anfang an beteiligt war. "Die Teenager liefen betrunken herum und waren unhöflich, laut und verhielten sich waghalsig. Es schien nicht mehr sicher zu sein. Dies beunruhigte alle Einwohner, nicht nur die Eltern", fügte Milkman hinzu.

Die erschreckenden Zahlen von damals waren ein „Weckruf“

Professor Helgi Gunnlaugsson von der Universität in Island berichtete, dass der hohe Nikotin-, Alkohol- und Drogenkonsum bei den Jugendlichen in den 1990er-Jahren für viele ein "Schock" gewesen sei. "Es war wie ein Weckruf", sagte er.

Umfrage in den Neunzigerjahren

Im Jahr 1997 startete die Regierung die Initiative "Jugend in Island" (Youth in Iceland) unter der Leitung von Jon Sigfusson, der das isländische Zentrum für Sozialforschung und -analyse (ICSRA) leitet. Er benutzte Fragebögen, um einen glaubwürdigen Schnappschuss dieser Generation abzubilden.

Die Teilnehmer, die anonym blieben, aber ihr Alter angaben, wurden gefragt, wann sie zuletzt ein alkoholisches Getränk zu sich genommen hatten, ob sie jemals betrunken gewesen waren oder versucht hätten zu rauchen, und wenn ja, wie oft. Sie sollten auch angeben, wie viel Zeit sie mit ihren Eltern verbrachten. Innerhalb weniger Jahre hatten Behörden und Sozialarbeiter genug Informationen, um die Notwendigkeit zu sehen, konkrete Maßnahmen zu ergreifen.

Volljährigkeit angehoben, Ausgangsperre und strengere Gesetzgebung

Eine Sperrstunde nach 10.00 Uhr wurde für alle 13- bis 16-Jährigen ohne Begleitung verhängt. Diese Ausgangssperre wurde während der Sommermonate und der hellen Nächte bis Mitternacht verlängert.
Der Gesetzgeber erhöhten das Alter der Volljährigkeit um zwei Jahre auf 18 Jahre und verbat den Verkauf von Tabak an Minderjährige und von Alkohol an alle unter 20-Jährigen.

Zigaretten werden nicht in Geschäften gezeigt und gehören zu den teuersten in Europa: neun Euro (fast $ 10) pro Packung im Durchschnitt.
Wie in den meisten nordischen Ländern wird Alkohol nur in staatlichen Geschäften verkauft und mit mehr als 80% besteuert.

Fußball, Angeln, Bowling

Die Regierung förderte auch Sport und einen gesunden Lebensstil. In der Hauptstadt Reykjavik erhält jede Familie eine jährliche Zulage von 35.000 Kronen (ca. 300 Euro, $ 320) pro Kind im Alter zwischen sechs und 18 Jahren für außerschulische Aktivitäten, einschließlich Sport.

Viele Isländer sehen den Schwerpunkt auf sportliche Aktivität als Faktor hinter dem Anstieg der Popularität des Fußballs auf der kleinen Nordatlantikinsel, deren Nationalmannschaft England bei der Europameisterschaft 2016 nach Hause schickte.

Veränderung zum Besseren

Innerhalb von acht Jahren nach dem Start des Programms fielen die Zahlen beim Nikotin-, Alkohol- und Drogenkonsum deutlich, freute sich Sigfusson.
Im vergangenen Jahr (2016) sank der Anteil der Jugendlichen, die im vergangenen Monat Alkoholisches getrunken hatten, auf 5% (von 42% im Jahr 1998), die Zahl der regelmäßigen (täglich) Raucher sank auf 3% (von 23% im Jahr 1998), und 2016 gaben nur mehr 5% gegenüber 17% im Jahr 1998 an, sie hätten Cannabis einmal oder mehrmals konsumiert.
Obwohl dies auch dem aktuellen Trend in Europa entspricht - wie durch Umfragen des grenzüberschreitenden „European School Survey Projects on Alkohol and Other Drugs“ gezeigt werden konnte - ist Island das einzige Land, in dem die Veränderungen so dramatisch waren.

In anderen Ländern - meist in Europa – haben mehr als 30 Städte seit 2006 ebenso mit dem isländischen Modell experimentiert. "Die Umsetzung ist dort möglicherweise viel komplizierter, wenn eine gemeinsame Anstrengung von einer ganzen Gemeinde und mehreren Gemeinden gefordert ist, aber nicht unmöglich", so Gunnlaugsson, und er gibt zu bedenken, dass Island mit nur 340.000 Einwohnern die gleiche Bevölkerung hat wie die französische Stadt Nizza.
"Es gibt ... auch eine nationale Mentalität [in Island, nämlich er Glaube], dass du die Dinge zum Besseren ändern kannst."

Quelle: medicalXpress, Huffington Post, Addiction

26.05.2017 / www.kinderaerzte-im-netz.de
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